Low Code: Wie Unternehmen schneller entwickeln, ohne die Kontrolle zu verlieren

Was ist Low Code?

Low Code ist ein strukturierter Entwicklungsansatz, bei dem Software innerhalb eines vorgegebenen technischen und organisatorischen Rahmens entsteht, indem standardisierte Bausteine konfiguriert und kombiniert werden, statt jede Funktion vollständig individuell zu programmieren. Der Begriff „Low“ bezieht sich dabei nicht auf den Verzicht auf Code, sondern auf dessen gezielte Reduktion und Kapselung: Technische Grundfunktionen, Sicherheitsmechanismen und Integrationslogiken sind vorab definiert, während sich die Entwicklung auf die fachliche Ausgestaltung konzentriert. Low Code trennt damit bewusst fachliche Logik von technischer Infrastruktur und ermöglicht es Organisationen, wiederkehrende Anforderungen schneller umzusetzen, ohne architektonische Kontrolle oder Governance aufzugeben.

In der Praxis ist Low Code häufig mit visuellen, sogenannten WYSIWYG-Oberflächen („What You See Is What You Get“) wie Microsoft Power Platform oder Salesforce Lightning verbunden. Prozesse, Datenstrukturen oder Benutzeroberflächen werden dabei grafisch modelliert, statt vollständig textuell beschrieben. Diese Visualisierung ist jedoch kein definierendes Merkmal von Low Code, sondern ein Mittel zur Umsetzung: Sie senkt die Einstiegshürde, macht Regeln explizit sichtbar und erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Fachbereichen und IT. Entscheidend ist nicht die visuelle Bedienform, sondern der dahinterliegende Rahmen aus vorgegebenen Strukturen, Regeln und Integrationslogiken. Low Code bleibt auch dort Low Code, wo visuelle Editoren an ihre Grenzen stoßen und gezielt durch klassischen Code ergänzt werden.

Geschwindigkeit ist nicht das eigentliche Problem

Kaum ein Unternehmen leidet heute an einem Mangel an Ideen für digitale Lösungen. Was fehlt, ist die Fähigkeit, diese Ideen zuverlässig, regelkonform und skalierbar umzusetzen. Klassische Entwicklungsmodelle geraten dabei unter Druck: zu viele Anforderungen, zu wenig Kapazitäten, lange Abstimmungswege. Low Code wird in diesem Kontext oft als „schnelleres Entwickeln“ beschrieben. Diese Darstellung greift aber zu kurz. Denn Geschwindigkeit entsteht hier nicht primär durch weniger Code, sondern durch klar definierte Rahmenbedingungen, innerhalb derer Entwicklung stattfinden darf. Low Code ist damit weniger ein Toolset als ein strukturiertes Entwicklungsparadigma.

Was Low Code im Kern ausmacht

Low Code basiert auf der Idee, dass viele Softwarelösungen in Organisationen ähnliche Grundmuster haben: Daten erfassen, Prozesse abbilden, Regeln anwenden, Ergebnisse anzeigen. Anstatt diese Muster immer wieder neu zu implementieren, werden sie als wiederverwendbare Bausteine bereitgestellt.

Charakteristisch sind dabei:

  • vordefinierte Strukturen für Datenmodelle, Prozesse und Benutzeroberflächen
  • explizite Regeln, wie erweitert, integriert und deployt werden darf
  • klare Rollenverteilung zwischen Plattformverantwortlichen, Entwickelnden und Fachbereichen

Kontrolle als Voraussetzung für Geschwindigkeit

Kontrolle und Geschwindigkeit stehen nicht im Widerspruch. In der Praxis ist oft das Gegenteil der Fall. Dort, wo Architekturprinzipien, Sicherheitsanforderungen und Integrationsregeln vorab geklärt sind, können Teams schneller entscheiden und umsetzen.

Low Code externalisiert viele dieser Entscheidungen:

  • Sicherheitsmechanismen sind fest eingebaut statt individuell implementiert
  • Integrationen folgen standardisierten Schnittstellen
  • Deployment-Prozesse sind vereinheitlicht

Das reduziert nicht nur Entwicklungszeit, sondern auch Abstimmungsaufwand. Geschwindigkeit entsteht hier durch Entscheidungsvorarbeit, nicht durch Improvisation.

Lernen Sie, Low Code effizient einzusetzen

Low Code ist kein kreatives Experimentierfeld

Low Code ist nicht darauf ausgelegt, Unklares zu erkunden oder Ideen zu testen. Es setzt voraus, dass das Problem verstanden und strukturierbar ist. Die Stärke liegt in der Operationalisierung, nicht in der Entdeckung.

Das bedeutet auch:

  • Änderungen sind nachvollziehbar und versionierbar
  • Lösungen sind wartbar und übertragbar
  • Wissen bleibt in der Organisation, nicht bei einzelnen Personen

Diese Eigenschaften machen Low Code besonders attraktiv für Prozesse mit Wiederholungscharakter und regulatorischem Kontext.

Abgrenzung zu anderen Entwicklungsansätzen

In der aktuellen Diskussion tauchen Low Code und Vibe Coding häufig nebeneinander auf. Beide reagieren auf den Wunsch nach schnellerer Softwareentwicklung, tun dies jedoch aus grundlegend unterschiedlichen Denk- und Arbeitslogiken heraus.

Gemeinsam ist beiden Ansätzen:

  • der Versuch, Entwicklungsbarrieren zu senken
  • die stärkere Einbindung von Personen ohne klassische Entwicklerrolle
  • der Fokus auf funktionierende Ergebnisse statt auf technischen Selbstzweck

Der Unterschied liegt im Ziel:

  • Low Code ist auf verlässliche Wiederholbarkeit im großen Maßstab ausgelegt. Es beantwortet die Frage: Wie setzen wir bekannte Anforderungen effizient, nachvollziehbar und kontrolliert um?
  • Vibe Coding hingegen zielt auf Geschwindigkeit im Finden von Lösungen, dort, wo Anforderungen noch unklar sind oder bewusst offen gehalten werden.

Fazit: Low Code ist Struktur, die Skalierung vereinfacht

Low Code ist weder Allheilmittel noch Bedrohung klassischer Entwicklung. Es ist ein spezialisiertes Paradigma für Organisationen, die viele ähnliche digitale Lösungen benötigen und dabei Governance, Sicherheit und Wartbarkeit ernst nehmen. Wer Low Code einsetzt, entscheidet sich bewusst für Struktur statt Freiheit – und gewinnt dafür Geschwindigkeit, Transparenz und Skalierbarkeit. In einer Zeit wachsender Komplexität ist das kein Kompromiss, sondern eine strategische Wahl.